Wortkomposition Krankenversicherung

Die Aktuare brechen eine Lanze für die privaten Anbieter

Unter dem Strich sind die Beiträge für Privatversicherte zuletzt jährlich um 3,3 Prozent gestiegen – und die der Kassenpatienten um 3,1 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommen die Aktuare. Sie sehen die PKV in der gesetzlichen Zwangsjacke, was Prämienerhöhungen anbelangt

Von Ilse Schlingensiepen

In der privaten Krankenversicherung (PKV) sind die Beiträge in den vergangenen Jahren nicht stärker gestiegen als in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – zumindest wenn der Gegenüberstellung eine vergleichbare Datenbasis zugrunde liegt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zur Beitragsentwicklung in der PKV.
Die Versicherungsmathematiker setzen sich in dem Gutachten mit einer Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) zum Wettbewerb in der PKV auseinander. Darin kommen die Wissenschaftler unter anderem zu dem Schluss, dass eine der Schwachstellen der PKV in sprunghaften Beitragssteigerungen liegt, unter denen gerade ältere Versicherte leiden.
Das IGES verweist zwar auf die unterschiedlichen Bedingungen für die Beitragsentwicklung in der PKV und der GKV, stellt sie aber trotzdem gegenüber. Nach der Untersuchung haben sich die Prämien in der privaten Vollversicherung von 1997 bis 2008 im Schnitt um 3,9 Prozent pro Jahr erhöht, während es in der GKV 2,4 Prozent jährlich waren.
„Solche Beitragsvergleiche hinken, da es um zwei verschiedene Systeme geht“, sagte Heinz-Werner Richter vom DAV-Vorstand. „Wenn schon ein Vergleich, dann muss er auf einer einheitlichen Basis erfolgen.“
Bei der Betrachtung der GKV-Beitragseinnahmen seien verschiedene Faktoren außen vor geblieben, sagte Christian Zöller von der DAV-Arbeitsgruppe, die das DAV-Gutachten erstellt hat. „Das IGES hat zwar gesagt, dass die Werte nicht direkt vergleichbar sind, hat sie aber dennoch in die Welt gesetzt“, kritisierte er.
Die Berechnungen hätten weder die Leistungskürzungen durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz, noch die Belastung der Versicherten durch die Einführung der Praxisgebühr oder die Bundeszuschüsse der GKV berücksichtigt. Bei der Betrachtung der Prämienentwicklung der PKV sei außer Acht geblieben, dass die Unternehmen seit dem Jahr 2000 gesetzlich verpflichtet sind, einen zehnprozentigen Beitragszuschlag zur Dämpfung der Prämienentwicklung im Alter zu erheben.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren haben die Aktuare für den Zeitraum 1997 bis 2009 eine jährliche Beitragssteigerung von 3,3 Prozent für die PKV und von 3,1 Prozent für die GKV errechnet. „Die PKV hat in der ganzen Zeit für die demografische Entwicklung Vorsorge geschaffen“, sagte Zöller.
Die Berechnung der DAV zeige das eigentliche Problem beider Systeme, sagte Richter. „Mit der Steigerung von drei Prozent liegen wir über der allgemeinen Inflationsrate.“ Grund sei die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, die medizinische Inflation. Da die PKV-Unternehmen anders als die der GKV darauf nicht mit Leistungskürzungen reagieren könnten, müssten sie sie zwangsläufig über höhere Beiträge an die Versicherten weitergeben. Da auch die Altersrückstellungen aufgestockt werden müssen, seien Versicherte zwischen 50 und 65 besonders betroffen.
Ab dem Alter von 65 greifen in der PKV verschiedene prämienstabilisierende und -senkende Maßnahmen. Die Behauptung des IGES, gerade ältere Versicherte seien überproportional von Beitragssteigerungen betroffen, sei nicht haltbar, sagte Zöller. Die Aktuare haben die Beitragsentwicklung bei fünf großen PKV-Unternehmen mit rund der Hälfte aller Vollversicherten untersucht. Bei den älteren Versicherten ab 65 verlaufen die Beiträge nahezu konstant, im höheren Alter sinken sie sogar leicht. „Das war für uns selbst ein überraschendes Ergebnis“, sagte er.
„Die 50 bis 65-Jährigen werden die kritische Gruppe bleiben“, erwartet Dr. Karl-Josef Bierth vom DAV-Ausschuss Krankenversicherung. Die Behauptung, die PKV arbeite mit unterkalkulierten Tarifen, sei falsch. Entscheidend sei die Leistungsentwicklung. „Gäbe es keine medizinische Inflation, würden die Beiträge in der PKV nicht steigen“, so Bierth.
Dennoch wissen auch die Aktuare, dass die oft deutlichen Beitragssteigerungen dem Image der PKV schaden. Die DAV plädiert daher für eine Änderung der gesetzlichen Grundlagen. Bisher dürfen – und müssen – die Unternehmen die Beiträge erhöhen, wenn die tatsächlichen Leistungsausgaben die kalkulierten um einen bestimmten Prozentsatz überschreiten. Dieser auslösende Faktor beträgt bei den meisten Versicherern fünf oder zehn Prozent.

Quelle: Ärzte Zeitung, Ausgabe 121, Montag, 04. Juli 2011